Marc van der Poel

Kunst ist, wenn man's nicht kann
- denn wenn man's kann, ist's keine Kunst

 
Lesung in der Reischenau
Donnerstag, 04. September 2008 um 17:38

Marc auf der EselwieseAm 30. August 2008 waren 12 Autorinnen und Autoren  der Autorengruppe espressivo zur „Lesung am Feuer“ nach Dinkelscherben in der Nähe von Augsburg gereist, um ihre Texte auf der Eselwiese unter freiem Nachthimmel vorzutragen.

Die Lesung begann am Abend mit hereinbrechender Dämmerung.  Eingestimmt wurden Lesende und die Rund 30 Gäste mit einem gemeinsamen Obertonsingen, zu dem Sarah Planckh  („Raum für dich“, Dinkelscherben) anleitete. Eigentlich eine sehr schöne Idee, da so etwas nicht nur die Stimme und die Atmung für das Vorlesen bereit macht, sondern auch Autor und Publikum miteinander verbindet.

Danach lasen die espressivos am prasselnden Lagerfeuer ihre Geschichten. Die stammten aus der Anfang des Jahres erschienenen Anthologie „Wandlungen“ und dem neuen Projekt „Herzklopfen“, das im November erscheinen wird. Ich habe meine Geschichte "Tangenten" gelesen.

Nach der Lesung gab es Getränke und einen Büchertisch in der bunten Jurte, die Andreas Wojtek und Ronja Thomas aus Stadl hergestellt und für uns aufgebaut hatten. Bis in die späten Abendstunden saßen Gastgeber, Zuhörer und Autoren bei Trommelklängen von Elisabeth Kraus zusammen und genossen die sternenklare Nacht bis das Feuer heruntergebrannt war.

 

Zwischenstation

Hans lehnte sich gegen ein Waschbecken, zog ein Etui aus der Tasche seines Jacketts, nahm zwei Zigaretten heraus, reichte Willi eine davon und gab ihm Feuer. "Rauchverbot! Die Menschheit wird verrückt. Aber ich stell mich nicht raus in die Kälte."
Er schüttelte den Kopf. "Mensch Willi, wie lange ist es her, dass wir beide heimlich zusammen auf dem Klo geraucht haben? Sechzig Jahre?"

aus "Zwillinge"

Herzklopfen und andere Lebenszeichen

Es gibt hier nur einen Highway. Und zwei Richtungen. Sie kam aus der anderen. Auch sie hat kein Geld mehr. Hat mir mit ihren letzten Dollars eine Mahlzeit spendiert. Und ein gemeinsames Hotelzimmer. Morgen stehen wir beide auf der Straße. Zwei Deutsche am Ende einer leeren Fahnenstange. In Shithole-Town, Nevada, USA.
Julia hat Pullover und Jeans ausgezogen und sitzt im Schneidersitz auf dem Bett. Sie sieht mich an.

aus "Sterntaler"