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Der Junge kniff die Augen zusammen und fixierte das verschmierte Fenster der Kommandobrücke. Darauf spiegelte sich die Gestalt seines Vaters, der schweigend in Kapitänsuniform hinter ihm stand. Der Junge ließ seine Züge mit denen des Vaters verschmelzen. Dann versuchte er, langsam seinen Blick auszuweiten und auf das Schiff hinunter zu sehen, ohne dieses Bild zu verlieren. Draußen war es, abgesehen von der Schiffsbeleuchtung, vollkommen dunkel. Wie durch die Nacht abgeschnitten, strahlte ein einzelner Scheinwerfer von einem Mast auf dem Vordeck hinab auf die Containerfracht. Die Rippen der Container glänzten in seinem Licht beinahe weiß, während die Dunkelheit in den Zwischenräumen sich unruhig vor- und zurück tastete. Das Radio empfing „Weihnachtsgrüße aus dem Heimathafen“. Zwanzig Meter unter der Brücke stand der Schiffsfunker halb im Schatten an der Reling und rauchte. Der Mann wirkte winzig und der Junge empfand eine leise Verachtung für ihn. Plötzlich blickte der Funker zu ihm auf und grinste. Der Junge trat schnell vom Fenster zurück. Einen Moment wusste er nicht, was er tun sollte. Dann fragte er: „Kann ich den in der Arrestzelle sehen?” Der Vater schüttelte den Kopf. Der Junge zog sein Handy aus der Hosentasche und beschäftigte sich damit. Er überlegte, ob es vor der afrikanischen Küste ein Netz empfangen würde. Er wollte versuchen, seine Mutter anzurufen.
Der Junge betrat die Kombüse. Roloffson, der Smut, bereitete gerade eine einzelne Mahlzeit. Neben ihm auf der Arbeitsfläche standen ein paar prall gefüllte Alditüten. Der Junge sah hinein. Alkohol war darin, Süßigkeiten und Kaffee. Roloffson sagte nur: „Zollformalitäten.” Dann deutete er auf das Tablett, das er gerade richtete. „Für den da unten. Ich mach ihm lieber jetzt noch mal was. Wer weiß, wann er wieder was Ordentliches kriegt.” Er nahm das Tablett und verließ die Kombüse. Der Junge folgte ihm. Vor einer Stahltür nestelte Roloffson einen Schlüssel aus der Hosentasche. Dann schloss er auf und trat ein. Der Junge zog das Handy hervor und bewegte sich auf die Tür zu. Er spähte in die Kabine an dem gebeugten Rücken Roloffsons vorbei, der gerade sein Tablett auf einem kleinen Tisch abstellte. An der gegenüberliegenden Wand saß eine zusammengesunkene Gestalt auf einer Koje. Ein magerer kleiner Afrikaner mit weißem Haar in Hemd und Kordhosen. Der Junge richtete die Kameralinse des Handys auf ihn. In diesem Moment blickte der Mann auf. Der Junge drückte auf den Auslöser und trat dann schnell in den Gang zurück. Er betrachtete das Bild, das er gemacht hatte. Er hatte das Gesicht des Mannes gut getroffen. Ein schwarzes Gesicht mit weißem Dreitagebart und müden Augen. Roloffson kam aus der Kabine und verschloss sie sorgfältig.
Der Junge lehnte zwischen Roloffson und dem Funker an der Reling. Alle drei sahen hinaus auf das nachtschwarze Meer. Roloffson rauchte. Der Funker trank Bier aus einer Plastikflasche. Der Junge zog sein Handy hervor, klappte es auf und betrachtete das Bild, das er von dem Afrikaner gemacht hatte. Er zoomte es heran, sodass die Augen das ganze Display ausfüllten und in dessen Licht dämonisch glommen. Er verkleinerte das Bild wieder, bis der Kopf ganz zu sehen war. Er rief ein Menü zum Bearbeiten des Bildes auf. Aus fertigen Elementen wählte er einen breites Clownslachen, zog es auf das Foto und platzierte es genau über dem Mund des Mannes. Er hörte ein leises Kichern und merkte, dass der Funker ihn beobachtet hatte. Der nahm ihm das Handy aus der Hand, beugt sich über die Reling und betrachtet es. „So geht's auch", sagte er schließlich. "Einfach ne neue Fresse drauf und schon amüsieren wir uns alle miteinander. Und wer sich nicht amüsiert, den soll die Peitsche kuranzen." Er kicherte wieder. "Kuranzen!" Er sah den Jungen an. "Liest Du Gedichte?" Roloffsson sagte: "Lass ihn in Ruhe." Der Junge spähte ängstlich nach der Hand des Funkers, die das Handy locker über der Reling hielt. "Aber er war doch illegal in Deutschland." Der Funker sog geräuschvoll etwas aus der Nase in den Rachen und spuckte es aus. Roloffson sagte: „Bei uns geht’s ihm gut.” „Ja”, antwortete der Funker. „Wir sind die Netten." Der Junge fragte: "Was passiert mit ihm, wenn wir ankommen?" "Wir übergeben ihn der Polizei. Die lässt ihn in sein Land zurückschaffen. Na ja, vielleicht bringen wir dafür zehn nach Hamburg." Der Junge runzelte die Stirn und der Funker machte eine Geste über das Massiv von Containern auf dem Frachtdeck. "Da kann alles drin sein. Maschinen. Giftmüll. Plastikweihnachtsbäume. Mobiltelefone. Kondome. Menschen. Von uns weiß das keiner. Wir machen hier nur den Busfahrer. Streng nach Fahrplan. Sogar in dieser hochheiligen Nacht.” Er gab das Handy zurück. „Soll mir aber recht sein. Ist der Kahn am Laufen hat der Seemann was zu saufen." Er nahm den letzten Schluck aus der Plastikflasche und warf sie über Bord. "Ich muss jetzt wieder an die Arbeit."
Der afrikanische Hafen war von Scheinwerfern taghell erleuchtet. Die Luft roch nach regenfeuchter Erde, nach Öl und nach fauligem Salzwasser. Der Junge beobachtete das Anlegemanöver. Die Maschine heulte auf und das Schiff legte sich längs zur Kaimauer. Taue wurden von den Seeleuten geworfen, von schwarzen Hafenarbeitern aufgenommen und um massive Poller gewunden. Dann wurde die Gangway herab gelassen. Zollbeamte kamen an Bord. Der Junge folgte ihnen auf die Brücke. Er beobachte seinen Vater, der Englisch mit den Männern sprach. Mit geröteten Augen und Schweißflecken auf dem Uniformhemd. Ein Goldfaden hatte sich von dessen Schulterklappe gelöst und stand in einer krausen Schlinge davon ab. ‘Busfahrer’ hatte der Funker gesagt. Papiere wurden studiert und unterschrieben. Dann kam Roloffson mit den Plastiktüten auf die Brücke. Der Vater griff in eine davon und holte Cola und eine Whiskyflasche hervor. Roloffson verteilte Becher. Man trank. Lachte. Schließlich reichte der Kapitän den Zollbeamten die Tüten, klopfte ihnen auf die Schulter und begleitete sie hinaus. Der Junge folgte ihnen bis zur Gangway. Die Männer stiegen die Stufen hinunter und der Vater wandte sich ab, um seine Kabine aufzusuchen. Über die Schulter rief er seinem Sohn zu: “Du verlässt nicht das Schiff!” Der Junge nickte. Der Vater verschwand. Der Junge blieb an der Reling stehen und beobachtete die Hafenanlage. Er hörte Schritte hinter sich und sah, wie zwei schwarze Polizisten den Mann aus der Arrestzelle über das Deck führten. Als sie an dem Jungen vorüber kamen, blickte der Mann auf und sah ihn an. Er zwinkerte ihm zu. „I am Simeon.” Die Polizisten schoben ihn auf die Gangway. Der Junge sah den Männern nach, während sie hinabstiegen und über die Hafenanlage zu einem wartenden Jeep gingen. Dann stieß er sich von der Reling ab und rannte los. Er schwang sich auf die Gangway und polterte die Stufen hinab. Als er an Land sprang, knickte er um und verlor einen Schuh. Er ließ ihn liegen und rannte hinkend weiter. Er erreichte den Polizeijeep und berührte Simeon am Arm. Außer Atem sagte er: „Ich bin Mark.” Simeon boxte ihm sacht gegen die Schulter. Dann startete einer Polizisten den Motor und der Junge trat zurück.
Sein Fuß schmerzte, als er wieder zum Schiff hinaufstieg. Er zog sein Handy aus der Tasche. Das Display zeigte das Foto, das er gemacht hatte. Mit einem Clownslachen unter müden Augen. Er klickte das Bild weg. Die Anzeige schimmerte nun in einem schwachen blau. Er hatte immer noch keinen Empfang.
Marc van der Poel (2007)
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